Eventbericht |

Zwei Abende in drei Motiven (die alle irgendwie zusammen gehören)

Felipe Bartelt Mercader

Wo berühren sich Musik und Literatur? Das „Double Face“ Musik- und Literaturfestival im Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde gibt Antworten.

Um halb zwölf dann, als sowieso alles geht, steht Bernd Begemann nach seinem Konzert auf der Musik-Bühne und ruft: „Und jetzt Kulturgut Nottbeck, ziehen wir uns alle aus!“ Davor hat er einen zehnminütigen Rant über die Serie Grey's Anatomy vom Stapel gelassen, seinen Pianisten Kai Dorenkamp zusammengefaltet, er würde zu fröhlich spielen und zwischendurch zwei Stunden lang performt, erst zwölf Lieder im Rahmen eines „romantischen Liederzykluses“, der eine kohärente Geschichte erzählt, dann Lieder auf Wunsch. Und alles immer mit der großen Geste und maximalen Körpereinsatz, frei nach dem Motto: Der Begemann im Haus erspart die Big-Band – und wird zur Beg-Band.

Es ist der zwischenzeitliche Höhepunkt des Double Face – Festival am Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde. Seit Beginn des Jahrtausends befinden sich hier ein Literaturmuseum und diverse Veranstaltungsräume, wo die Museumsleitung „stetig neue Themen ausgraben möchte“, wie Walter Gödden, Geschäftsführer des Literaturkommission und inhaltlicher Leiter des Museum, in einer kurzen Eröffnung sagt. Musik und Literatur – das gehört zusammen, das will dieses Festival zeigen. Den Anfang macht „Die Sterne-“Frontmann Frank Spilker mit einer Lesung seines Erstlings „Das interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen.“ Bereits hier offenbart sich, was die Punkte sind, an die beiden Künste sich treffen:

Coming of Age

Aus vier verschiedenen Kapiteln liest Spilker und entschuldigt sich sogleich dafür, dass sie „nicht so zusammenhängen. Im gesamten Roman ist das ja ein bisschen deutlicher, hoffentlich.“ Gar nicht notwendig: Exposition, Depression, Beginn der Reise und zwischendurch ungeschickter Sex, die Themen dieser vier Abschnitte – ist das nicht ein bisschen die Geschichte eines jeden Kreativen? Es ist zumindest eine Geschichte, die an beiden Abenden in sehr verschiedenen Varianten noch öfter erzählt werden wird: sei es bei Muff-Potter-Frontmann Thorsten Nagelschmidts Lesung seines aktuellen Romans „der Abfall der Herzen,“ dem Abschlusskonzert von Erdmöbel und auch bei Begemann, der dem Aufbruch und der anschließenden Ernüchterung eingangs erwähnten Liederzyklus widmet. Spilkers Coming of Age scheint einher zu gehen mit einer Depression, die eine Quelle für sein literarisches und musikalisches Schreiben ist. Bei seinem Konzert macht er den Eindruck, als versuche er, nicht negativ aufzufallen und auf Schadensbegrenzung zu spielen, entschuldigt sich auch für seine traurige Liederauswahl und gelobt Besserung: „'Ihr wollt mich töten' könnt ich machen.“ Macht er dann auch – und weiß die 200 Zuschauer jederzeit hinter sich. Spilker, der immer so ein bisschen gebückt geht, als würde er permanent einen Rollstuhl vor sich herschieben oder sich verstecken wollen (was bei über 1,90 m Körpergröße schwer ist) schließt passenderweise mit „Ich gehe gebückt“, den größten Erfolg der Sterne „Was hat dich bloß so ruiniert?“ und einer Zugabe ab.

Dörfer zu Städten, Städten zu Dörfer

Das Double Face in Oelde ist auch ein regionales Festival: Frank Spilker und Bernd Begemann, die sich schon lange kennen, stammen aus Bad Salzuflen, von wo sie die Hamburger Schule mitbegründeten, Thorsten Nagelschmidt aus Rheine, Markus Berges, Frontmann von Erdmöbel, der aus seinen aktuellen Roman „Die Köchin von Bob Dylan“ liest, aus Telgte. Der Bonner Autor Jörg Albrecht fällt da ein bisschen aus dem Raster, auch habituell: Während der Lesung aus seinem Hörspiel „Beyond the Rainbow“ rotiert er zwischen vier im Kreis aufgestellten Mikrofonen, an denen er die verschiedenen Stimmen liest. Thematisch arbeitet er den Kanon des jungen Autors in Berlin ab: Gender und Globalisierung. Doch tut er das in seiner Geschichte über Vadim, der nach seiner Flucht aus einem rumänischen Dorf in Berlin zu Silvana-Trans wird und dem talentierten Hayati Terzi, der zugleich schwul, katholisch und Deutsch-Türke ist, nie im Klischee, erzählt dicht, behutsam und mit Respekt für seine Figuren. Mit musikalischer Unterstützung von Ja,Panik-Sängerin Laura Landergott, die überlegt-lässig, im schwarzen Anzug und mit Gitarre, die einzelnen Fragmente abschließt und einleitet, schlägt er Bögen zwischen der Fantasiewelt vom Zauberer von Oz und der Berlin LGBT-Community, dem Leben im beengten Dorf und dem Leben in der Großstadt, das ebenfalls sehr einengend sein kann. Und fügt sich damit ganz in das Oelder Programm ein.

Nostalgie und Erinnern

Karrieren enden oder beginnen in Quakenbrück, davon kann uns der Nun-doch-wieder-Muff-Potter-Frontmann Thorsten Nagelschmidt etwas erzählen. Sein aktueller Roman „Der Abfall der Herzen“ ist ein Versuch, sich an seinen letzten Sommer in seiner Heimat Rheine zu erinnern, bevor es mit der großen Reise los ging. Da er vieles vergessen hat, reiste er zurück und befragte ehemalige WeggefährtInnen. Dass das nötig war, schildert er bei seinem ersten Fragment über seinen dreiundzwanzigsten Geburtstag, wo er seine verflossene Liebe bei einem Auftritt (eben in Quakenbrück) zurückgewinnen möchte, dafür „wahrscheinlich Ephedrin“ nimmt, obwohl gänzlich ohne Drogengeschichte, das Konzert völlig versaubeutelt und einen veritablen Filmriss erleidet. 
No sex, bad drugs and worst rock'n roll: Mit seiner Lebensgeschichte dekonstruiert Nagelschmidt nebenbei Rockstar-Klischees, zeigt, wie schwer Erinnern tatsächlich fällt und wie fiktiv auch die eigene Biografie ist.

Auch Bernd Begemann blickt bei seinem Nachtkonzert zurück – wenn auch wehmütig. Er habe mit seiner 13-jährigen Tochter alte Auftritte von The Madness angeschaut: „Die springen ja einfach rum zu Musik und haben Spaß,“ habe sie gesagt. Er glaube an die an die magische Zauberkraft der Musik, bevor er selbst rum springt und Spaß hat. Man weiß ja immer nicht, ob Begemann das wirklich so meint, weil er sich eine Schutzschicht aus Ironie gebaut hat, an der vieles abperlt, wie das Licht an seinem völlig übertriebenen samtenen Anzug. Aber als er nach zwei, drei seiner Songs und dem dazugehörigen Applaus die ein oder andere Träne verdrückt, hat man schon das Gefühl, dass hier am Kulturgut Haus Nottbeck beim Double zurückgeblickt werden soll auf eine gute alte Zeit, dass eine kleine Epoche der Musik konserviert werden soll, die es möglicherweise nie wirklich gab. Aber hier schon. Denn hier geht alles.

 

Text: Jo Palm

Fotos: Maxi