Theaterbericht |

Wie Hillary auf Amphetamin

Felipe Bartelt Mercader

Weniger Politik, dafür umso mehr Drama: In „Momentum“ am Stadttheater lassen die Figuren erst zum Schluss ihre Masken fallen

Von Krisenherd zu Krisenherd

 

Politik im Jahr 2019: Dort, in den Schaltzentralen der Macht, wo früher die Korken knallten, werden heute nur noch Tabletten geschluckt. Grund dazu gibt es genug für Meinrad Hofmann (Thomas Wolff), und seine Frau Ebba (Christina Huckle): Der Präsident einer nicht näher benannten, großen westlichen Demokratie und seine Spiritus Rectorin haben nach einem Wutausbruch seinerseits bei einer Pressekonferenz sowie durch die Ausrichtung des 50-jährigen Parteijubiläums einige Probleme an der Backe, denn Meinrad droht durch eine partei-interne Abstimmung die Absetzung als Präsident. Dies wäre nicht nur das Ende aller politischen Ambitionen des Ehepaares, sondern auch ein herber Knick in der Karriere von Meinrads politischen Berater Dieter Seeger (Thomas Wehling). Während Meinrad im Selbstmitleid badet, versuchen Dieter und Ebba die Scherben aufzukehren, da, wie Dieter später selbst feststellen wird, ihre Schicksale eng an jenes von Meinrad gekoppelt sind. Unterstützt durch eine Drehbühne, die die verschiedenen Kulissen in Szene setzt, eilen die Protagonisten von Zimmer zu Zimmer. In jedem der minimalistisch gestalteten, sterilen Räume wartet ein neuer Krisenherd, der gelöscht werden muss. Dazwischen gibt es nichts. Um sie geht es in „Momentum“, dem Stück der niederländischen Lot Vekemans. Zumindest vordergründig.

 

Jeder hat sein Paket zu schleppen

 

Dass es für alle Figuren um etwas ganz anderes geht, sieht man den Figuren allerdings schon im Gesicht an: Die Charaktere tragen nicht nur Perücken, sondern auch milchigfarbene Masken, die Emotionen und Gesichtszüge kaum erkennen lassen. Äquivalent dazu schleppt jeder wie Sysiphus sein Paket im Stillen hinter sich her: Meinrad ist depressiv und würde lieber heute als morgen von seinem Amt als Präsident zurücktreten und ist dennoch nicht bereit, seine Rede beim Parteijubiläum Ebba zu überlassen; Dieter hadert mit seiner Abhängigkeit von Meinrad und ist in Ebba verliebt, mit der er bereits eine Affäre hatte; Ebba wiederum wird immer wieder von ihren eigenen Gedanken heimgesucht, die sich in ihrem ungeborenen Kind (Doga Gürer) manifestieren, ein Produkt aus der Affäre mit Dieter und gleichzeitig Fehlgeburt. Diese Geheimnisse werden im Laufe des Stücks freigelegt, bzw. durch den Druck, unter den die Figuren stehen, herausgepresst. Der Druck, der sich für die Figuren kontinuierlich erhöht und schlussendlich zum Kollaps führt.

 

Frauen an die Macht?

 

Um Politik geht es in „Momentum“ weniger – der Zuschauer soll nicht mit drögen Stoff wie Tarifverhandlungen, Ausschuss-Sitzungen oder Steuerreformen gelangweilt werden. Und trotzdem ist dieses Stück hochpolitisch. Zwar wird nicht genauer benannt, in welchem Land die Ereignisse spielen, diese Leerstellen kann der Zuschauer jedoch selbst füllen: Während die Beziehung zwischen Ebba und Meinhard Parallelen zu Bill und Hillary Clinton aufzuweisen scheint, erinnert Ebbas Diskussion mit Meinhard über verlorene Ideale in der Politik stark an die inspirationslose zur „Sacharbeit“ neigende aktuelle deutsche Bundesregierung – und Ebbas Outfit (weiße Hose, weiße Bluse, weißer Blazer) ist nicht erst seit Claire Underwood das Kostüm für die toughe Karriere machende Frau, die allerdings dem Mann das Rampenlicht überlassen muss. Tatsächlich gerät die Figur der Ebba Hofmann im Verlauf des Spiels immer mehr in den Fokus. Der Mann hatte genug Chancen an der Macht, aber versagt und nichts mehr zu sagen, also muss die Frau es nun richten. Tatsächlich zerbricht sie unter den Anforderungen. Als Dieter seinem Begehren nachgibt und sich an ihr vergeht, wird Ebba zunächst ohnmächtig und fällt kurz darauf unter den Einfluss von Amphetaminen, die sie snackt wie Halsbonbons, ins Koma. Dadurch rettet sie ironischerweise Meinhards Beliebtheitswerte und festigt seine Macht. Damit sind genug Opfer gebracht, denkt sich auch Ebba und bittet Meinhard darum, sich zurück zu nehmen, damit sie selbst kandidieren kann. Ob der Mann, bei dem ein Rücktritt auf einmal kein Thema mehr ist, Platz macht und die Frau an die Macht lässt, das bleibt bis zum Schluss unklar. Ganz so wie in unser heutigen Realität.

 

Artikel: Jo

Foto: Phillipp Ottendörfer für Stadttheater Bielefeld