Sportbericht |

Wenn aus Ernst Spaß wird. Purrgatory – 1. Liebefelder Derby

Felipe Bartelt Mercader

Die Teams laufen sich warm und trainieren die letzten Standardsituationen vor der Begegnung. Roller Derby kennt eine Standardsituation: Kloppe auf Rollschuhen. Die BASHING BATTLECATS hielten am 12. Mai in den Heeper Fichten das erste Scrimmage der Bielefelder Stadtgeschichte ab. Aber wen vermöbeln die Kampfkatzen? Und warum macht ihnen das auch noch Spaß? Ist Scrimmage ein Käse? Antworten gibt’s hier.

Wir betreten eine Sporthalle über die Tribüne. Ein an eine Wand projizierter Countdown zeigt die übrigen Minuten bis zum Anpfiff. Auf dem ohnehin von bunten Linien allermöglicher Sportarten zerteilten Hallenboden wurden zusätzlich zwei Ovale mit gelbem Klebeband markiert. Ein kleineres inmitten des größeren, so dass die Fläche zwischen ihnen eine große Null bildet. In der Halle fahren über zwei Dutzend Personen auf Rollschuhen hin und her. Manche tragen weiße Hemden, manche schwarze und manche Hemden sind schwarzweiß gestreift. Für Jasmin und mich ist es das erste Roller Derby, entsprechend ungewohnt bewegen wir uns. Schnell werden wir auf der Tribüne erkannt und von unserer Kompott-Kollegin Coco auf den Track geholt. Coco spielt seit zwei Jahren bei den BASHING BATTLECATS und freut sich, dass Kompott.org beim ersten eigenen Scrimmage des Teams dabei ist. Scrimmage [ˈskrɪmɪʤ] kann mit Gerangel übersetzt werden. „Gerangel“ als technischen Begriff zu verwenden, erzeugt bei mir zusammen mit der Aufmachung der Teams ein mulmiges Gefühl. Sechsteilige Schutzkleidung, Helm und Mundschutz werden getragen. Wie ernst wird das denn gleich hier? Der Countdown zeigt noch 10 Minuten bis zum Spielbeginn. Die Gesichter der Spieler*innen sind angespannt. Am Tag zuvor gaben die BATTLECATS bereits ein Bootcamp für alle, die heute auf dem Track stehen. Einerseits kennen jetzt alle die Stärken und Schwächen der anderen, andererseits sind einige Reserven bereits verbraucht. Heute spielen die BATTLECATS nicht gegen den Rest der Welt, es wurden zuvor Teams aus Bielefelder und angereisten Spieler*innen für die heutige Partie gebildet. Zu den Gründen komme ich später.

Beide Teams werden von einer NSO (Non skating official) für Aufmerksamkeits- und Achtsamkeitsübungen in der Hallenmitte zusammengerufen. Das gegenseitige Massieren wird die freundlichste Berührung in den nächsten zwei Stunden sein. Die Teams ziehen sich für die letzten Vorbereitungen auf ihre Teambänke in zwei Hallenecken zurück, aufgeregtes Gemurmel füllt die Halle. Ein Teammitglied der BATTLECATS, das heute nicht mit auf dem Track steht, begrüßt das Publikum über Mikrofon. Damit wir den Spielverlauf besser nachverfolgen können, zeigen uns die Teams einen jam [ˈdʒæm] vor dem eigentlichen Spiel, von umfassenden Erklärungen der Moderation begleitet.

Im Roller Derby stehen sich zwei Teams auf einem ebenen und ovalen Spielfeld gegenüber, dem Track. Ein Spiel dauert zweimal 30 Minuten, wobei jede Halbzeit in Jams von jeweils 2 Minuten aufgeteilt wird. Während eines Jams versuchen die Jammer*innen beider Teams die Wall aus drei-vier Blocker*innen des anderen Teams, so oft wie möglich zu durchbrechen. Auf den Fotos sind Jammer*innen durch den Stern auf ihrem Helm zu erkennen. Die Jammer*innen starten hinter beiden Walls, die zusammen das Pack [ˈpæk] bilden. Pack bedeutet Meute oder Rudel. Die Jammer*innen versuchen, als erste die Wall zu durchbrechen, um den Status der Leadjammer*in zu erhalten, der ihnen das Privileg verleiht, den Jam frühzeitig beenden zu können, das sogenannte „Abcallen“. Erst nach dem ersten Durchbrechen des Packs können die Jammer*innen Punkte erzielen. Dann gibt es für jedes überholte gegnerische Teammitglied einen Punkt. Durch das Abcallen kann das Team, dessen Jammer*in nicht Leadjammer*in ist, und noch keine Blocker*innen überholt hat, daran gehindert werden, überhaupt Punkte zu machen. Beim Blocken gibt es einige Regeln zu beachten: Es darf nur mit den Schultern, Hüften und dem Hintern geblockt werden. Ab den Ellenbogen und unterhalb der Kniee ist das Blocken verboten. Auch dürfen der Kopf, der mittlere Rücken und die Unterschenkel der anderen Spieler*innen nicht angezielt werden. Ferner dürfen keine Blockaktionen drei Meter vor oder hinter dem Pack stattfinden. Wenn eine dieser Regeln gebrochen wird, erhalten die Spieler*innen Zeitstrafen, die sie in der Penaltybox am Spielfeldrand absitzen müssen.

Schwarzweiß gekleidete Schiedsrichter*innen stellen sich auf der Außen- und Innenseite des Tracks auf, damit möglichst kein Regelverstoß ungesehen bleibt. Die Teams nehmen ihre Positionen ein. Das Spiel beginnt. Sofort preschen beide Jammer*innen vor und schieben die Walls vor sich her. Die Jammer*in des schwarzen Teams kann sich als erstes durcharbeiten und geht in Führung, wird also Leadjammer*in. Als sie wieder auf die Wall Team Weiß‘ trifft, kann sie zwei Blocker*innen hinter sich lassen, bevor sie abcallt. Nach dem ersten Jam steht es also 2:0 für Team Schwarz. Zwischen den Jams gibt es 30 Sekunden Zeit, die Spieler*innen auszuwechseln. Unheimlich zügig rollen alle durcheinander, bis die Schiedrichter*innen laut verkünden: „5 seconds until next jam!“ Wer jetzt nicht wieder auf dem Track steht, muss hinterherfahren. Hier wird nicht gewartet. Ständig werden während der Jams Regelverstöße gepfiffen und die Nummern der Spieler*innen gerufen. Trotz der präzisen Moderation und dem extra angefertigten Flyer, muss ich mich sehr konzentrieren, nicht den Überblick zu verlieren. Alles geht so schnell. Team Schwarz kann durch gut platziertes Abcallen einen beachtlichen Vorsprung herausholen. Die Jammer*innen von Team Weiß müssen während einiger Jams auf die Strafbank, was Team Schwarz einen entscheidenden Vorteil verschafft. In diesen sogenannten Powerjams können die Blocker*innen ihrer Jammer*in helfen, indem sie ihr die Blocker*innen des anderen Teams vom Leib halten, damit diese schneller punkten kann. Plötzlich ist die erste Halbzeit gespielt und es steht 91:77 für Team Schwarz. Ich muss draußen bei einer Zigarette entspannen und frage mich, wie alberne Spieler*innennamen wie Careless Whipster, Purple Pain oder Kopfnuss Kid mit straffem Reglement zusammenpassen. Ein Blick in die Geschichte des Sports schafft Aufklärung.

Im Chicago der 30er Jahren promotete Leo Seltzer Ausdauerrennen auf Rollschuhen, den Hallenradrennen ähnlich. Bei diesem sogenannten transcontinental roller derby fuhren gemischte Zweierteams die Strecke zwischen Los Angeles und New York, also quer über den nordamerikanischen Kontinent, in Runden ab. Eine Anekdote erzählt, wie Leo Seltzer während dieser Rennen beobachtete, wie sein Publikum besonders auflebte, wenn sich Unfälle auf dem angeschrägten Track ereigneten. In diesen Unfällen erkannte Seltzer eine Geschäftsmöglichkeit, entwickelte 1939 zusammen mit dem Sportjournalisten Damon Runyon das Grundprinzip des Kontaktsports und stellte vier Teams auf, die zwischen Chicago und New York tourten. Ab diesem Zeitpunkt fuhren geschlechtlich getrennte Mannschaften gegeneinander. Schnell wuchs das Publikum, so dass Leo Seltzer Ende der 40er Jahre den Madison Square Garden mehrfach ausverkaufen konnte. Beim Derby wurden alle gleich bezahlt. Mit 250$ in der Woche war es in der 40er Jahren einer der bestbezahltesten Jobs für Frauen mit. Durch die Jahrzehnte erhielt das Sportunternehmen unterschiedlich viel Aufmerksamkeit, immer von Leo Seltzer und später durch seinen Sohn Jerry Seltzer geleitet. Beide nutzen das Fernsehen, um die Popularität des Sportes zu erhöhen. Leo begann in den 50er Jahren, den Sport mehr und mehr an dieses Medium anzupassen, indem Spielausgänge vorbestimmt und individuelle Geschichten der Spieler*innen ins Zentrum gerückt wurden, wie es beim Wrestling üblich ist. Die Versuche, das Spiel weiterhin populär zu halten, gipfelten dann Ende des 20. Jhd. in den RollerGames und RollerJam. Beides überlebensgroß verzerrte TV-Formate, die ebenfalls beide nach maximal zwei Jahren eingestellt wurden. RollerJam wurde in denselben Studios gedreht, aus denen auch Total Nonstop Action Wrestling, American Gladiators und andere glamouröse Meilensteine der amerikanischen Unterhaltungsindustrie übertragen wurden. Alles ähnliche Formate mit ähnlichen Geschichten. Es sah aus, als würde Roller Derby an seinem Showpotential und der Zwang der Gewinnmaximierung der Industrie zugrunde gehen. Spieler*innen kündigten aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen, Mächtige Männer gingen an ihm Konkurs und Fernsehmogule stießen ihn ab. Der Sport geriet bis zur Jahrtausendwende in Vergessenheit. Sein Showpotential sollte das Roller Derby jedoch Ende des Jahres 2000 wiedererwecken.

Daniel „Devil Dan“ Policarpo, ein Musiker und Lebemann der alternativen Kneipenszene in Austin (Texas) hatte die Vision eines Roller Derby-Rockabilly-Zirkus aus Frauen in kurzen Röcken und Netzstrumpfhosen. Er castete 15 Frauen, teilte sie in vier Teams auf und ein gemeinsamer Fundraiser wurde gestartet. Nach ein paar Auseinandersetzungen über die Bezahlung der Fahrerinnen, setzte sich „Devil Dan“ samt des ganzen Geldes ab und verschwand. Ginjure Scraps und Cherry Chainsaw, zwei der Teamcaptains, beschlossen zusammen mit den anderen, die Sache selbst aufzuziehen. Dabei ist zu erwähnen, dass diese Namen nicht in ihren Ausweisen stehen, sondern jede*r Spieler*in sich einen Tracknamen aussucht. Dieser soll augenzwinkernd an die Geschichte des Sportes im Showbiz erinnern. Als sie dann als BGGW (Bad Girl Good Woman Productions) 2002 das erste eigene Derby auf die Beine stellen wollten, waren sie an derselben Stelle, wie die BATTLECATS an diesem Wochenende: Wenn sie das Derby organisieren, kann keine von ihnen auf dem Track stehen, weil keine Schiedsrichter*innen und NSOs (Non-Skating- Officials) vorhanden sind. Auch an diesem Tag haben die BATTLECATS alles eigenständig organisiert, bezahlt und können eigene Spieler*innen auf den Track stellen. Das alles wäre ohne die Unterstützung von Schiedsrichter*innen und Helfer*innen aus Bielefeld und anderen Städten nicht denkbar. Wenn auch die Derbies klein und unregelmäßig sind, bilden die Do-it-yourself- und Non-profit-Mentalität das Erfolgsrezept dieses Sportes. 17 Jahre nach dem ersten Derby bestehen international über 2000 Teams, von denen ein Drittel die Mitgliedschaft dreier internationaler Sportverbände innehält: Der WFTDA (Women‘s Flat Track Derby Association) mit ca. 450 Teams, der MRDA (Men’s Roller Derby Association) mit 60 Teams und die JRDA (Junior Roller Derby Association) mit 78 Teams. 2012 stand Roller Derby mit acht anderen Sportarten in der Auswahl für die Olympischen Spiele 2020. Es könnte also behauptet werden, dem Sport ginge es so gut, wie noch nie. Fehlende gesellschaftliche Anerkennung und entsprechende Förderung hindern jedoch die meisten Teams im deutschsprachigen Raum, eigene Vereine zu bilden. Die meisten Teams sind an etablierte Sport- und Turnvereine angeschlossen. Es gibt also weiterhin viel für den Sport zu tun.

In der zweiten Halbzeit nimmt Team Weiß die Aufholjagd aus der ersten Halbzeit wieder auf und kann einen Gleichstand erringen. Sofort bauen sie diesen während eines Powerjams, bei dem Team Schwarz sowohl auf ihre Jammer*in, als auch eine Blocker*in verzichten musste, um 20 Punkte aus. Beide Teams kämpfen nun bis zur letzten Minute um die Führung. Bei 155/157 für Team Weiß und 1:27 Minuten verbleibender Spielzeit wird der letzte Jam gestartet. Team Schwarz hat durch einen Powerjam, bei dem Jammer*in und eine Blocker*in  von Team Weiß in der Penaltybox sitzen, leichtes Spiel. Doch so sehr ihre Blocker*innen der eigenen Jammer*in zuarbeiten, sie kommt nicht an der unterbesetzten Wall Team Weiß‘ vorbei und der letzte Jam verstreicht punktlos. Das Spiel ist vorbei. Die Punktetafel zeigt das unoffizielle Endergebnis 155/157. Das Schiedsgericht tagt in der Hallenmitte und hält die Zuschauer*innen in Atem. Die Halle ist still geworden. Stundenlang vergehen die Sekunden. Durch eine unklare Penaltysituation während des letzten Jams entscheidet sich das Gericht für einen Overtimejam. Einen Jam also, der nach Ablauf der Spielzeit ein Spiel entscheiden muss. Die Teams stellen sich ein letztes Mal auf. Der Anpfiff in die Stille hinein, klingt besonders schrill. Beide Jammer*innen lassen das Pack schnell hinter sich, Schwarz geht in Führung. Allerdings ist der Abstand der Jammer*innen so knapp, dass Team Schwarz sofort den Jam beendet, nachdem es zwei Punkte und somit den Gleichstand erreichen konnte, bevor Team Weiß‘ noch punkten kann. Es steht 157:157. Bei den meisten Sportarten wäre das in Ordnung, das Spiel somit entschieden. Alle würden sich verabschieden und nach Hause gehen. Nicht beim Roller Derby. Hier geht es immer um Sieg oder Niederlage, so schreiben es die Regeln vor. Die Teams stellen sich wieder ein letztes Mal auf und der zweite Overtimejam beginnt. Die Jammer*in von Team Weiß löst sich aus der Wall und geht in Führung, da begehen sowohl die schwarze Jammer*in, als auch eine Blocker*in einen Regelverstoß und müssen beide den Track für 30 Sekunden verlassen. Team Weiß kann ungestört punkten und fährt den Jam komplett durch. Als das Spiel abgepfiffen wird, steht es 167:184 für Team Weiß.

Die Stimmung beider Teams ist großartig. Ich habe nicht das Gefühl, dass hier heute wer verloren hätte. Beide Teams knien sich hin, applaudieren erst dem Schiedsgericht, dann den NSOs und schließlich dem Publikum, bevor beide Teams noch eine Ehrenrunde zum Abschied drehen. Nach dem Spiel stehen Jasmin und ich noch mit Coco und einigen anderen Spieler*innen beider Teams vor der Halle in der Sonne bei einer Zigarette. Alle beglückwünschen sich gegenseitig fürs Verhauen und gehören auf einmal irgendwie genau dahin, wo sie jetzt gerade stehen. Also auf Rollen. Familiäre Stimmung kommt auf, Sport bringt eben zusammen. Und beim Derby können alle zusammen sein, es sei denn sie haben was dagegen.

Bevor ich zu weltenumarmend werde, schnappe ich mir Jasmin und räume das Feld. Wer gerne bei den BASHING BATTLECATS BIELEFELD mitprügeln möchte, kann gerne auf ihrer FB-Seite oder der Website www.bashing-battlecats.com den Kontakt aufnehmen. Kompott.org sind jetzt Fans, also sehen wir uns auf der Tribüne. MIAUZ AUFS MAUL!

Bericht: Maxi
Fotos: Jasmin Klink