Konzertbericht |

Mit Musik und Blumen gegen Rechts – „Blumen gegen Nazis“

Felipe Bartelt Mercader

Mit Musik und Blumen gegen Rechts – Festivalreihe „Blumen gegen Nazis“ geht in die zweite Runde

 

Nach dem Erfolg letzten Jahres und der zunehmend angespannten politischen und gesellschaftlichen Stimmung hat sich Kompott entschieden, auch dieses Jahr ein bewusstes Statement gegen die rechte Szene zu setzen. Zum zweiten Mal veranstalteten wir zusammen mit der Teestube Bielefeld ein Benefizkonzert gegen Rechts und feierten Diversität und Toleranz mit fünf außergewöhnlichen lokalen Bands und zahlreichen Gleichgesinnten in der Teestube.

Nicht nur musikalisch ging es dabei bunt gemischt zu, sondern auch beim Publikum, das sich trotz des schlechten Wetters für den guten Zweck und für hausgemachte Musik herausgetraut hat. Auch dieses Jahr gingen alle Einnahmen an EXIT Deutschland – eine Organisation, die austrittswillige Mitglieder rechtsradikaler Gruppen unterstützt.
Den Anfang machte Kolider, die ihren ersten Auftritt in der aktuellen Konstellation feierten. Passend zur Dämmerung wurde es auch musikalisch düster. Kolider sind jedoch nicht so böse wie sie wirken: „Kommt doch mal ein Stück nach vorne“, fordert der Sänger das Publikum in der ohnehin kuscheligen Teestube zu mehr Intimität auf. Dadurch gelingt es der Metalband, dem Publikum durch drum-lastige Klänge von Anfang an einzuheizen. Die von einer Erkältung angeschlagene Stimme des Sängers ist über die sympathische Art und die authentische Musik der Band leicht zu vergessen. Kolider lieferte einen gelungen Auftakt für unser Festival und begeistert das Publikum. „ Spielt das dritte Lied noch mal!“, fordert ein Zuschauer die Band auf. Bei so viel Begeisterung ist Kompott sich sicher: Von dieser Band wird man in Zukunft noch einiges hören.
Kontrastreich geht es mit einer Band weiter, die sich schon optisch stark von ihren Vorgängern unterscheidet. Mit hellem Hemd und Jeans wirkt der Frontmann von Pierre Anhalter fast förmlich. Der erste optische Eindruck wurde aber schnell gebrochen, als die Band aus Ostwestfalen ihre selfmade Popmusik zum Besten gibt. Der Sänger entlockt dem Keyboard galaktische Retro-Klänge, die an die guten alten 70er erinnern. Die Musiker passen zum Festival wie die Faust auf Auge, denn „Man kann über alles reden, über alles reden kann man nicht“ z.B. nicht über Nazis. Die Band besticht mit einfachen, ehrlichen Texten, die leicht ironisch die großen Themen der Gesellschaft ansprechen und mich etwas an die Songs von Element of Crime erinnern: „Bist du nicht im Trend musst du dir was Neues überlegen, sonst bist du obsolet“. Die unverblümte, leicht ironische Art der Band kommt beim Publikum an, sodass Pierre Anhalter mit Sicherheit die Anzahl ihrer 6 monatlichen Hörer auf Spotify (so die Band) nach diesem Abend erweitern konnten. 
Ebenfalls auf Deutsch ging es weiter mit Felix Muster. Der Name der Rockband erinnert zwar ein bisschen an den allseits bekannten Max Mustermann, doch als gewöhnlich lässt sich die Indie-Rockband keineswegs beschreiben. Mit einfühlsamen deutschen Texten zu Themen wie Enttäuschung, Frust, Hass und Liebe stellt sich Felix Muster gegen den Kommerz und schafft es mit einem Spagat zwischen ernsten Themen und hoffnungsvollem Sound zum Tanzen gleichsam wie zum Nachdenken anzuregen. Die Band geht der Frage nach, „wer man in dieser Welt sein will“ und gibt zu, selbst keine Antwort darauf zu wissen. Sie fragen sich gleichzeitig „Wo sind die wunderbaren Jahre hin?“ und blicken dabei positiv gestimmt in die Zukunft, denn „Wenn das Herz noch lacht“ und „solange wir lieber unter Mensch sind“, ist noch nicht alles verloren, so lautet die Devise der Band. Felix Muster war vom Thema des Konzerts so begeistert, dass sie am Abend sogar LPs für einen Euro verkauften und den Erlös ebenso an EXIT gespendet haben. Die letzte Nummer „Mensch“ richtet sich gegen Vorurteile. Die Zeile „Ich mag dich als Mensch“ blieb besonders in Erinnerung.
Weniger feinfühlig ging es mit The Trash Templars weiter. In Ritterrüstung und mit Piratenhut holte die Band aus Bielefeld uns in die Welt des Garage-Punks und bediente dabei auf – kurioserweise – authentische Art und Weise sämtliche Klischees des Rock’n’Roll: verschüttetes Bier auf der ganzen Bühne, das Mikro wird wild über dem Kopf gewirbelt, der Sänger turnte unter vollem Körpereinsatz durch den ganzen Raum … Die dynamisch impulsive Band versteht es, das Publikum mitzureißen. Nicht nur die tanzbare Musik zwingt das Publikum zur Bewegung, sondern auch die Aufforderung des Sängers, ihm beim Doors-Klassiker „Break on through“ auf dem Fußboden Gesellschaft zu leisten. Die Band war ein visuelles und akustisches Erlebnis. Nach dieser musikalischen Zeitreise in die 60er Jahre des Rock´n´Roll hat die Band die Bühne – fast wortwörtlich – abgerissen. 
Last but not least gab die Hard-Rock Band Major Erd aus Bielefeld ihre provokante Musik zum Besten. Die routinierten Musiker machten den Soundcheck direkt vor dem Auftritt bzw. im Auftritt, getarnt als Akustiknummer auf dem Keyboard. Doch so ruhig bleibt es nicht, denn Major Erd „findet Akustik-Nummern nicht so toll“. Vielmehr beschreibt der Sänger selbst die Band als pessimistisch, was die energetischen, provokativen, kritischen und lauten Songs erklärt. Zum ersten Mal an dem Abend brauchte auch ich Ohropax. Das Ziel der Band: „Schluss mit der Tristesse“ machen. Der Sänger treibt sein Unwesen dafür in der gesamten Teestube und dank ihm weiß ich jetzt, dass das Mikrokabel weit genug reicht, um sich selbst mitten im Song ein Bier zu holen. „Das ist der Moment, in dem etwas passiert und ich weiß nicht was“, kündigt er verheißungsvoll an. Was passiert ist? Eine energiegeladene Performance, bei der Metalfreunde nicht zu kurz gekommen sind – Ein perfekter Abschluss für unser „Blumen gegen Nazis“ Festival.

 

Text: Caro

Fotos: Julian H.