Theaterbericht |

Die Welt in einer digitalen Zuckerkruste

Felipe Bartelt Mercader

Im Theaterstück German Love Letter (zum Mond) schafft Laura Danulat ein europäisches Utopia auf dem Mond.
Wir sind verwirrt, wir lachen, wir denken nach – etwas über eine Stunde lang setzen wir uns den dynamisch wechselnden Handlungssträngen und Charakteren aus. Im Tam 3 wird seit Ende letzten Jahres das Theaterstück „German Love Letter (zum Mond)“ von Laura Danulat aufgeführt.

Trotz der vorangeschrittenen Spielzeit ist der kleine Raum gut gefüllt und die vier Schauspieler nutzen diesen mit einfachen, aber durchdacht eingesetzten Effekten und Requisiten optimal aus. Groteske Gesangs- und Tanzeinlagen und ein Roboter, der aussieht, als hätte ihn eine Schülergruppe der vierten Klasse im Kunstunterricht gebastelt, lockern die ernste Thematik auf und bringen das Publikum zum Schmunzeln.
Jemand (Susanne Schieffer), ein junger Mensch, der uns am Anfand des Stücks in einem Vlog begrüßt, durchstreift die Stadt des Nachts in Begleitung des immerwährenden Selfie-Sticks. In einer Welt, die von Krieg und Pornos regiert wird, in der Draußenarrest schlimmer klingt als Hausarrest und in der die innigste Intimität zu einem Selfie-Stick besteht, stellt Jemand uns verschiedene verlorene Seelen vor und nimmt uns mit auf die Suche nach sich selbst. Dabei trifft er einen rast- und ruhelosen Großstadtindianer (Vincent van Linden), der frustriert von der Sinnlosigkeit des Seins ist: „1996 wollten wir Punks werden. Stattdessen gingen wir nach Hause“, lautet seine pessimistisches Bilanz. Frustriert empfindet er Bulgur als Wurzel allen Übels der heutigen Gesellschaft und sieht in Gott, Mutter und Internet die drei großen Schuldigen der Welt. Zumindest letzteres scheint nicht gerade aus der Luft gegriffen zu sein: Der Selbstdarstellungsdrang in den Sozialen Medien macht die Figuren im Stück unfähig zu kommunizieren und zwischenmenschlich zu interagieren
Zum Glück hat Ute (Brit Dehler), die im Hinterzimmer des Spätis wohnt, im Netz die perfekte Alternative gefunden, um diesen dystopischen Zügen ihrer Gegenwart zu entgehen: Auf dem Mond, der als riesige Halbkugel auf der Bühne platziert ist, wird Newrope, eine internationale Ansiedlung, geschaffen. Laura Danulat feiert das Comeback des Mondes als Ort der Sehnsüchte, wie bereits John F. Kennedy 1962 in der Moon Speach, und lässt ihn zur Reset-Taste für Europa werden. Am Ende des Stücks gelingt es Ute, die Figuren von Newrope zu überzeugen. Sie legen die Brille, die die Welt in eine digitalen Zuckerkruste kleidet, ab und starten ein neues, durch Standardisierungen vereinfachtes Leben auf dem Mond. Utes Credo: Warum wollt ihr Sterne sein, wenn ihr das Universum sein könnt? 
Die zitatartige Sprache, die durch kleine Fehler, verstärkte Auslautverhärtungen und der konsequenten Nutzung des Vong-Slangs ( „Ich bin eins Typ“) einen speziellen Rhythmus erhält, macht das Theaterstück zusammen mit den grotesken Show-Einlagen, in denen vor Allem die lebhafte, ausdrucksstarke Alrun Hofert brilliert, zu einer kurzweiligen dynamischen Erfahrung, die wirklich Freude bereitet, jedoch zugleich zum Nachdenken anregt. Die ernstzunehmende Vermischung von realen und virtuellen Welten, die Danulat hier zur Sprache bringt, wird keineswegs ernst und beklemmend vermittelt, sondern witzig und verschroben, was uns zeigt, wie surreal die Gesellschaft sich aktuell entwickelt.

 

Text: Coco

Foto: Theater Bielefeld