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Kann Lachen gefährlich sein?

Felipe Bartelt Mercader

Auf ein Glas Wein mit Carmen und Christina: In der achten Auflage des Presseclubs des Bielefelder Stadttheaters suchen die Beteiligten nach den Grenzen von Humor und Satire

„Ich hätte nicht gedacht, dass diese Veranstaltung mit einem Witz endet,“ sagt Christina Huckle am Ende des achten Presseclubs. Und weil der Autor dieses Textes es selbst nervig findet, wenn in einem Artikel ein Witz erwähnt, der Witz selbst aber nicht erzählt wird, hat er jeden Witz, der innerhalb der gut 90 Minuten Gespräch gemacht werden wird, irgendwo in diesem Text platziert. Ist das ein perfider Trick des Autors, den Leser dazu zu bewegen, den gesamten Text zu lesen? Möglicherweise.

 

Das Format

 

Zum Wesentlichen: Der Presseclub, das sind nicht nur die beiden Ensemble-Mitglieder des Stadttheaters Bielefeld, Christina Huckle (derzeit u.a. in Momentum und Wie es euch gefällt und Initiatorin des Formats) und Carmen Priego (u.a. Weißes Gold  und König Ubu), sondern das sind auch die ca. 50. Zuschauer, die sich in das muckelig warme TAM3 des Bielefelder Stadttheaters gepresst haben und tatsächlich auch neben den Schauspielerinnen auf einem Sofa auf der „Bühne“ Platz nehmen dürfen. Die Schauspielerinnen geben einen Themenkomplex vor und streuen verschiedene Medien ein, dann wird munter drauf los geplaudert. Dass das funktioniert und eine anregende Gesprächssituation geschaffen wird, liegt zum einen an der entwaffnend-herzlichen Art der Gastgeberinnen, die, mit Gläschen Wein in der Hand, den Leuten das „Ikea-Du“ anbieten und zum anderen an der Homogenität des „Publikums“ (trotz Altersschwankungen). An den einzelnen Redebeiträgen merkt man schon: Hier tagt gerade das soziale Bildungsbürgertum (der Autor gehört dazu) und deshalb ist das Gespräch weniger eine erhitzte Debatte denn eine Art gemeinschaftliches Brainstorming, eine Mischung aus Erörterung und kollektiver Ursachen- und Wirkungsforschung. Bei dem großen Thema gar nicht mal so unsinnig, stehen doch diesmal die Wirkungsweise von Satire und die Funktion von Humor auf der Agenda.

 

Das Gespräch

 

Wo Satire ist, ist heutzutage Böhmermann nicht weit und deshalb spielen Priego und Huckle zunächst den Musik-Clip „Be Deutsch“  aus dem Neo Magazin Royale und einen 3-Sat-Bericht über Reaktionen zu eben genau diesem Beitrag ein. Denn besonders in Polen sorgte der angeblich sehr belehrende Song für Empörung (einschließlich verärgerter Tweet der damaligen polnischen Ministerpräsidentin Beata Szydlo). Wie lässt sich Satire, Ironie, Zynismus und andere Spielarten des Humors verstehen, bzw. missverstehen? Kann Lachen gefährlich sein? Damit geht es in die Gesprächsrunde und natürlich kommt in dieser Konstellation irgendwann der Name Trump ins Spiel. Das Urteil ist unversöhnlich: „Herr Trump ist ein psychischer gestörter Mensch“ - findet zumindest einer der GesprächsteilnehmerInnen. Das Gespräch ist weitestgehend erst einmal sehr frei, Huckle und Priego lassen die Leute reden und lenken wenig, das führt auch dazu, dass die Diskutanten ein wenig abschweifen und von der Satire weg hin zur Politik rücken (auch der Autor entlarvt sich dabei, wie er mit mehreren seiner Gesprächsbeiträge das Thema verfehlt). Langweilig ist das allerdings nie und es fühlt sich ein wenig an wie die Teilnahme an einer Podcast-Aufnahme – nur halt mit viel mehr Leuten (Patent für dieses Format ist bereits beantragt).

 

Die Eindrücke

 

Über Michael Haneke („Heutzutage kann man nur noch absurde Filme machen“), die Komikerin Hannah Gatsby und einen ZEIT-ONLINE-Artikel gelangt das Publikum Richtung Humor in seinen Facetten. Das Resultat:

 

Humor...

  • ...kann Beziehungen fördern und retten (Freud)

  • ...funktioniert idealerweise unter Gleichrangigen, bzw. innerhalb familiärem Kontext

  • ...ist, wenn man über sich selbst lacht

  • ...ist vor allem seit der französischen Revolution (bzw. vor der deutschen Revolution 1848) und insbesondere an Karneval ein gutes Instrument der Machtkritik

  • ...kann Folgen haben: Obamas Witze über Trump beim Korrespondenten-Dinner 2011  gelten heute als mögliche Ursache für Trumps Präsidentschaftskandidatur

  • …funktioniert durch Inkongruenz

  • …dient der Angstreduktion

     

    Und das ist doch keine schlechte Ausbeute. Am Ende ist es wieder einmal Shakespeare, der alles schon vorher gewusst hat. Huckle, gerade in der Arbeit zu „Wie es euch gefällt“, findet in diesem dramatischen Text das Zitat, dass die Verwendung von Satire treffend zusammen fasst: „‘Bitte lasse mich alles sagen, was ich will.‘“* Dieser Satz fällt in der Mitte des Gruppengespräches und Huckle ärgert sich, weil es ein gutes Schlusswort gewesen wäre. Dafür steht das Zitat jetzt am Ende dieses Textes. Und das ist ja auch immerhin etwas.

     

    Die Witze

     

    Wie anfangs versprochen also: Die Witze (natürlich nicht irgendwo im Text, sondern ganz am Ende. Glaubt ihr, der Autor würde die Lesbarkeit des Textes für einen platten Gag opfern? Im Leben nicht).

     

    „Ein Rabbi, der sein Leben lang Rabbi war, ist sterbenskrank. Sagt er zu seiner Frau: ' Kannst du mir einen letzten Gefallen tun? Lass mich katholisch taufen.' Sagt die Frau erschrocken: 'Wieso willst du das denn tun?' Sagt der Rabbi: 'Damit, wenn ich sterbe, es einen Katholik weniger gibt.'“ (Carmen Priego)

     

    „Der Löwe ist der König des Waldes und der feiert eine Party. Alle Tiere sind eingeladen, nur der Hamster nicht. Der Hamster geht deshalb zum Hasen und fragt ihn: 'Hey Hase, kann ich nicht mit dir auf die Party gehen?' Der Hase antwortet: "Nö, ich bin doch nicht lebensmüde, würde der Löwe das merken, wäre das mein Ende.' Dann geht der Hamster zum Fuchs: 'Bist du bei der Party vom Löwen eingeladen?' 'Ja, klar bin ich das,' sagt der Fuchs. Fragt der Hamster: „Kannst du mich vielleicht mitnehmen? Sagt der Fuchs: 'Bist du verrückt, wenn der Löwe das mitbekommt, bin ich dran.' Dann fragt der Hamster den Bären, ob er ihn mitnehmen kann und der sagt: 'Nene, wenn der Löwe das mitkommt, bekomme ich Ärger.' 'Komm schon,' sagt der Hamster, 'du kannst mich doch in deiner Brusttasche reinschmuggeln, das merkt er bestimmt nicht.' Sagt der Bär 'Na gut, aber ich bringe dich nur auf die Party, dann haben wir nichts mehr miteinander zu tun.' Als am Abend der Bär die Party besucht, fragt ihn der Löwe: 'Ich habe gehört, dass der Hamster sich zu meiner Party reinschmuggeln lassen will, du wirst ihn dabei doch wohl nicht unterstützen, oder?' Der Bär: "Nein, natürlich nicht!' Daraufhin meint der Löwe: "Dann macht es dir sicherlich nichts aus, deine Taschen aus zu leeren." Der Bär antwortet: 'Klar, kein Problem, hier ist mein Geldbeutel, hier mein Schüssel, hier mein Ausweis.' Plötzlich haut der Bär sich mit voller Wucht auf die Brust. 'Und hier ein Foto vom Hamster.' (Christina Huckle)

     

    „Geht ein Ossi in ein Kaufhaus und fragt den Verkäufer: 'Gibt es hier keine Bananen?' Sagt der Verkäufer:' Keine Bananen gibt es im ersten Stock. Hier gibt es keine Mandarinen.'“ (Zuschauer)

     

    „Eine Schnecke wird von drei Schildkröten verprügelt und geht daraufhin zur Polizei. Fragt der Polizist: 'Können Sie einen der Täter beschreiben?' Sagt die Schnecke: ' Leider nein, es ging alles so schnell.'“ (Carmen Priego)

     

    *Dieses Zitat geht eigentlich noch viel länger, der Autor konnte allerdings nicht so schnell mitschreiben und hat es auch im Internet nicht gefunden.

     

    Text: Jo Palm

    Foto: Sarah Jonek für Stadttheater Bielefeld