27. Januar

OT: An Angel at My Table
Neuseeland/Australien 1990
Regie: Jane Campion
158 Min., 35mm, DF
Mit Kerry Fox, Alexia Keogh, Karen Fergusson, Iris Churn, Kevin J. Wilson u.a.

Ein Kind stapft ungelenk einen Pfad entlang. Sein dicker roter Haarschopf und seine dunkle Jacke heben sich ab von den grünen Hügeln Neuseelands. Diese Janet Frame fügt sich nicht ein in die von Jane Campion inszenierte Welt, bleibt Außenseiterin, die in nur wenigen Momenten Teil eines Ganzen wird, etwa wenn sie in einer nächtlichen Szene wie verzaubert mit ihren Geschwistern im Wald tanzt. Wobei offen bleibt, ob dies nun ein Traum oder Realität ist. Später wird sie in der Schule erniedrigt werden, als sie vor Ihrer Klasse einen kleinen Diebstahl von Geld gestehen muss. Mit dem davon gekauften Kaugummi wollte sie die Freundschaft ihrer Klassenkameradinnen gewinnen.

Sie entstammt einer Arbeiterfamilie, erlebt den frühen Tod zweier Geschwister, gilt nach überkommenen Maßstäben als wenig attraktiv.
Nach Einweisung in die Psychiatrie erfolgt die Anwendung der damals modernen Elektroschock-Therapie an ihr. Wahrlich Drama genug, um in einer Mischung aus Neugier und vielleicht Mitleid das Leben einer Frau zu betrachten, die nach langen Jahren zur Selbstbestimmung erwächst.
Über den Prozess des Schreibens bei dieser bedeutenden neuseeländischen Schriftstellerin erfahren wir nichts. Der Film setzt vielmehr auf Verlangsamung, zieht das Publikum in einen Bann der Konzentration.

Eben noch spazierte der Kamerablick auf Kinderschuhen. Schon sind wir von der grenzenlosen Landschaft überwältigt. Aber nie verliert die Kamera aus den Augen, daß sie den welterweiternden Blick einer jungen Künstlerin trägt, die häufig zwischen zwei Köpfen sich eine Wahrnehmung auf etwas Verdecktes schaffen muß. „Ein Engel an meiner Tafel“ ist ein großer Film, der durch die Schlichtheit, die er übt, nicht aus der Fassung zu bringen ist.“ Karsten Witte